Ein Fünftel der Schönheitsoperationen in der Schweiz wird beim starken Geschlecht vorgenommen

Olaf Heim* ist ein Bild von einem Mann: 1,90 Meter gross,  durchtrainiert, mit sonnengebleichtem Haar. Er zieht sofort die Blicke  auf sich, als er ins Restaurant tritt. Dass er seinem ansprechenden  Äusseren etwas nachgeholfen hat, darüber will er nur anonym sprechen.  «Mein Umfeld ist noch nicht so tolerant wie ich», scherzt der  Marketingleiter eines grossen Schweizer Versicherungsunternehmens. Heim  hat sich vor kurzem am Bauch Fett absaugen lassen. Nachdem Diät und  Sport nichts gebracht hätten. «Mich haben diese kleinen Fettringe schon  lange gestört.» Seinen Besuch beim Schönheitsdoc habe er nicht bereut, obwohl er nach dem Fettabsaugen «ziemliche Schmerzen» gehabt habe.

Olaf Heim ist in guter Gesellschaft: Immer mehr Männer wagen den  Schritt zum Schönheitschirurgen, lassen sich Falten aufspritzen, Haare  verpflanzen oder Nasen korrigieren. Von den jährlich 50 000  Schönheits-OPs in der Schweiz ist der Patient rund 9500- mal männlich.  Fettabsaugen ist bei Männern der am häufigsten gewünschte Eingriff,  gefolgt von der Augenlidstraffung. Ebenfalls im Trend sind  Haartransplantationen. 2011 unterzog sich der englische Nationalkicker  Wayne Rooney einer Haarverpflanzung. Allerdings verlief diese 20  000-Franken-OP nicht wirklich erfolgreich. Zufrieden mit seiner  «haarigen» Veränderung ist Jürgen Klopp, Fussballtrainer bei Borussia  Dortmund. «Ich finde, das Ergebnis ist ganz cool geworden», liess er  verlauten.

Zu glauben, dass sich nur Stars oder die betuchte  Oberschicht operieren lassen, ist falsch. Die Patienten kommen aus allen  Bevölkerungsschichten und allen Altersklassen. «Junge Männer lassen  sich vor allem Fett absaugen und die Nase korrigieren, ältere Männer  wollen sich, neben dem Fettabsaugen, vor allem die Oberlider straffen  lassen», sagt Gertrude M. Beer, Fachärztin für Plastische,  Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie FMH. Nicht immer entschliessen  sich die Männer ganz freiwillig zum Besuch beim Schönheitsdoc. «In  letzter Zeit nehmen immer mehr Frauen ihre Männer zur Begutachtung mit»,  so Beer. «Viele Frauen denken, wir geben und so viel Mühe, attraktiv  auszusehen, diese Mühe sollen die Männer auch auf sich nehmen.»

Die Schweiz hat den höchsten Verbrauch an Botox

Aber nicht nur im Bereich der Schönheitschirurgie holen die Männer  auf. Auch nicht invasive Methoden wie Botox- oder Laserbehandlungen  werden zunehmend von Männern gewünscht. So hat die Schweiz den grössten  Verbrauch an Botox pro Kopf im internationalen Vergleich. Bei  Smoothline, einem auf kosmetische Botulinum- und Filler-Behandlungen  spezialisierten Resort, ist die Zahl der Kunden im letzten Jahr um 25  Prozent gewachsen. Jeder sechste Kunde ist ein Mann. «Es gibt zwei  Hauptgruppen», sagt Dan Iselin, ärztlicher Leiter von Smoothline. «Zum  einen kommen Männer aus der oberen Hälfte der sozioökonomischen Schicht,  zwischen 35 bis 50 Jahren, zum anderen jüngere, homosexuelle Männer.»

 Auch bei Kosmetikerinnen und Waxing-Institutengibt es immer mehr  Kunden. Bei Wax Inn, einem Institut, das in Bern, Basel und Zürich  Filialen hat, ist der Anteil männlicher Kundschaft gestiegen. «Der  Favorit ist Haarentfernung am Rücken, gefolgt von der Haarentfernung an  Brust und Bauch. Die Haarentfernung im Intimbereich, der sogenannte  Brazilian Man, wird am dritthäufigsten verlangt», sagt Geschäftsführerin  Sandra Käser. Der Brazilian Man, der unter «Desserts- yummy yummy»  angeboten wird, kostet im Studio in Bern, «exkl. Po-Falte», 85 Franken.  Die wohl angenehmste Art, sich und seinem Äusseren Gutes zu tun, ist der  Gang zur Kosmetikerin. Allerdings braucht auch dieser Schritt beim Mann  eine gewisse Überwindung. «Oft sind es Mütter oder Freundinnen, die  einen Mann ermutigen, sich zu einer Gesichtspflege anzumelden», sagt  Denise Gadient vom Kosmetikinstitut The Face in Zürich. «Eine gepflegte  Haut gehört heute zum Standard der meisten Männer», so Gadient.

Diese  Entwicklung sieht man auch bei der Marke Nivea Men. «Männer zwischen 25  und 49 zeigen die höchste Affinität zu Kosmetikprodukten und sind auch  die entsprechend grösste Zielgruppe. Doch mit dem Älterwerden dieser  pflegebewussten Zielgruppe und dem demografischen Wandel wird auch der  Gesichtspflegemarkt ab 50+ zukünftig wachsen», sagt Senior Brand Manager  Lukas Schulthess. «Überspitzt gesagt befindet sich der moderne Mann  heute irgendwo zwischen Caveman und metrosexuellem Beckham.»

Was  aber bringt die Männer dazu, sich den gleichen Schönheitsritualen zu  unterwerfen wie die Frauen? «Die Bösen sind die Hässlichen», sagt  Stephan Hägeli, Geschäftsführer von Acredis Spezialzentren für  Ästhetische Chirurgie: «Menschen schliessen unbewusst vom Äusseren auf  das Innere.» Für viele Männer sei deshalb der berufliche und soziale  Aufstieg mit einer optischen Korrektur verbunden. «Bis vor fünf Jahren  war für viele Männer eine Operation keine Option. Das Luxustussi-Image  der Branche mit Assoziationen wie maskenartige Gesichter und  überdimensionale Brüste haben das starke Geschlecht ferngehalten», so  Hägeli. Im Zuge der Verfeinerung der Methoden und Techniken habe sich  die Möglichkeit für natürlichere Ergebnisse gewandelt.»

Beschränkte Möglichkeiten für Penisvergrösserung

Hat in Zukunft nur noch der gut aussehende und gepflegte Mann Erfolg?  Hemmt ein Bierbauch beim Ersteigen der Karriereleiter? «Männer erleben  eine Entwicklung, denen Frauen schon lange ausgesetzt sind», sagt  Susanne Brauer, Studienleiterin Bioethik, Medizin und Life Sciences von  der Paulus-Akademie Zürich. Eine «Moralisierung» des Männerkörpers finde  nun ebenfalls statt und laufe über das Thema Leistung. Es sei vor allem  der «soziale Druck», der insbesondere in der Arbeitswelt aufgebaut  werde: dass man trotz hoher Belastung nach wie vor jugendlich und  dynamisch auszusehen habe. «Dahinter steht ein rein mechanisches  Denken», so Brauer, «das Alter wird als Schaden am Körper wahrgenommen,  der aber mit Hilfsmitteln zu reparieren ist.» Brauer findet diese  Entwicklungen «fatal». Man solle sich gegen diese Denkweisen wehren,  indem man nicht mitmache.

Ein Gebiet, das sich im wahrsten Sinne des Wortes im Wachstum  befindet, ist die Genitalchirurgie. Allerdings sind die Möglichkeiten  für eine Penisvergrösserung beschränkt. Die operative Verlängerung wirk  rein optisch, denn die Möglichkeiten sind begrenzt: Eine echte  Verlängerung des Schwellkörpers ist gar nicht möglich.

Im  ästhetischen Bereich geht es um viel Geld, grosse Wünsche und teilweise  zu grosse Versprechungen. Und: Eine Operation oder ein Eingriff ist  immer mit einem gewissen Risiko verbunden. In der Schweiz werden laut  Acredis immer mehr Schadensfälle nach Schönheitsbehandlungen gemeldet.  Das hat damit zu tun, dass das Angebot immer grösser und  unübersichtlicher geworden ist. Aber auch damit, dass noch immer jeder  Arzt ohne besondere Ausbildung Schönheitsbehandlungen vornehmen kann.

Weder mögliche Komplikationen noch Schmerzen oder die Kosten bringen  manche Männer von ihren Vorstellungen perfekter Schönheit ab: Den  26-jährigen Fitnesstrainer Rico Gonzalez* störten sein müder Blick und  seine Tränensäcke. Nachdem er bereits diverse Botox- und  Hyaluronunterspritzungen gehabt hatte, suchte er Hilfe bei einer  Schönheitschirurgin, die ihm allerdings von einer Operation abriet.  Gonzalez ging zum nächsten Beauty Doc und wurde von ihm operiert. Das  Ergebnis befriedigte ihn nicht. Darum wäre er einer weiteren Operation,  nicht abgeneigt. «Ich bin halt ein Perfektionist», sagt Gonzalez  trotzig.

* Namen von der Redaktion geändert